Biki-Blog

11. September 2010

Karl

Filed under: Moped — bikibike @ 23:10

Karl hatte einen anstrengenden Job. Seine Arbeit war hochqualifiziert, er verdiente ’ne Menge Geld und konnte sich im Urlaub die besten Hotels leisten. Ihm war klar, dass er in den Mühlen steckte, aber solange alles gut lief liess er sich mitdrehen.

Nach 3 Infarkten, Therapien und jeder Menge Medikamente wurde er erwerbsunfähig  und besann sich auf seine alte Leidenschaften: Natur und Motorradfahren.

Er kaufte einen kleinen Bus, einen Mopedanhänger und eine F650 GS als er 48 war. Mit ihr machte er größere und kleinere Ausflüge in die Umgebung. Probierte immer wieder Geländeabstecher und plante eine erste Reise.

Es sollte ins Piemont und nach Ligurien gehen. Die Offroad-Klassiker. Karl hatte gelesen, dass es eine wunderschöne Gegend sein sollte, in der man noch ein  bisschen auf Schotter in die Berge fahren konnte.

Seine „Freunde“ nahmen Abstand. Sie fanden, so ein Lotterleben gehört sich nicht mit 48. Er solle doch wieder in seinen Möglichkeiten Arbeit suchen.

Karl packte seinen Bus, verzurrte die GS auf dem Anhänger und fuhr ins Piemont.

Dort stellte er den Bus ab wo er es schön fand, schlief im Wald, suchte sich gemütliche Kneipen und genoss die Gespräche  mit den alten Italienern. Tagsüber tuckerte er auf den Jafferau, ins Val de Argentera, auf den Sommeiller. Er besichtigte alte Forts, beobachtete Schmetterlinge, fuhr in kleine Täler und auf grüne Almen.

In der nächsten Woche räuberte er die Militärstraßen zwischen Varaita, Maira und Stura. Die vielen einspuriggen Sträßchen und die Schotterwege brachten ihn hoch in die Berge  um den Monte Viso. Er aß Pizza in kleinen Hofläden, saß beim Espresso auf alten Marktplätzen, hielt Mittagsschlaf auf bunten Wiesen oben über dem Tal.

Weiter ging es zur Ligurischen Grenzkammstraße. Die Straße war sein heimliches Ziel für diese Tour. Von ihr hatte er gelesen, Bilder angeschaut, überlegt, ob er die wohl mit der GS fahren kann…

Er fand ein gemütliches Plätzchen für seinen Bus zum Schlafen, nahm nochmal die Karte zur Hand und überlegte den Einstieg in die nächste Tour. Er freute sich auf die Strecke, die besonderen Ausblicke und den Tag komplett über den Tälern und den Wolken. Er war sich sicher, dass er das fahrerisch bewältigen könnte.

Dann schlenderte er ins Dorf. Dort schrieb er noch eine Postkarte an seine Liebe zu Hause, die diese Art von Reisen nicht mochte.  In einem ruhigen Seitensträßchen des Dorfes fand er ein italienisches Restaurant, liess es sich gut gehen und genoss das Menü und den Rotwein des Hauses.

Der Abend in Gesellschaft der entspannten Italiener, in der milden Sommerluft und in Vorfreude auf den kommenden Tag machte ihn glücklich.

Als er zurück zu seinem Bus kam und nochmal in den Mond schaute, die Ruhe der Nacht wahrnahm und auf die Geräusche der Vögel und Insekten hörte atmete er tief durch.

Im nächsten Moment schaltete sich sein Gehirn ab. Er starb noch im Stehen und fiel um ohne das noch zu spüren.

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4 Kommentare »

  1. Das ist eine ergreifende Geschichte.
    Ein schöner (und glücklicher?) Tod für Karl.
    Und für sein Umfeld wahrscheinlich die Bestätigung, dass sie Recht hatten.

    Kommentar von Homo Heidelbergensis — 12. September 2010 @ 13:59 | Antwort

  2. Eine gute Geschichte wenn uch etwas traurig. Karl hat seine letzten Tage auf jedem Fall genossen und starb in Frieden mit sich.

    Kommentar von mir — 14. September 2010 @ 08:52 | Antwort

  3. Himmel, wenn ich irgendwann mal (so in 90 oder 100 Jahren) abtreten muss, dann bitte so…

    Kommentar von DerrasendeRalf — 19. September 2010 @ 11:11 | Antwort

  4. Schön traurig, aber schön. Besser so, als im Büro umkippen. Er hat das Richtige gemacht und ist wahrscheinlich glücklich und mit sich und der Welt in Frieden abgetreten.

    Kommentar von SonjaM — 5. Oktober 2010 @ 05:58 | Antwort


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